RUNDBRIEF Nr. 13, Dezember 2006 Ein Dach über dem Kopf ---------------------- „Wenn ein Traum Wirklichkeit werden soll ..., ... müssen wir erst einmal aufwachen“ – so schreibt der bekannte Theologe und Autor Werner Tiki Küstenmacher, den viele vielleicht von seinem Buch „simplify your life“ kennen. Ein bewegtes Jahr Es ist ja nicht so, dass wir die letzten Jahre geschlafen hätten, was unsere Unterstützung für das Straßenkinderprojekt „Nuestros Derechos“ und das Schulprojekt „Niños Obreros“ in Guatemala anging. Ganz im Gegenteil, wir fanden eine ganze Reihe neuer SpenderInnen und UnterstützerInnen, so dass wir Carlos zum Ende jeden Jahres eine beachtliche Summe für seine Arbeit zur Verfügung stellen konnten. Ende 2005 bekam Carlos dann von der amerikanischen Organisation „Global Rights Watch“ einen Flug nach Deutschland gesponsort. Damit hatte er Gelegenheit, drei Wochen lang alle Interessierten in Deutschland über die aktuelle Lage in den beiden Projekten zu informieren. Carlos hatte die Chance, uns seine Wirklichkeit und die der vernachlässigten Kinder und Jugendlichen in Guatemala anhand vieler beeindruckender Fotos nahe zu bringen. Daraus ergaben sich zahlreiche Aktionen engagierter Helfer, so dass im Lauf dieses Jahres noch viele Spenden bei uns eingingen. Andererseits konnten wir auch Carlos unsere Welt zeigen: Schnee, klirrende Kälte, Christkindlmarkt, Glühwein und wie das Leben in Deutschland funktioniert ... Ein Traum wird Wirklichkeit Auch wenn wir Carlos Toledo und seine Projekte bereits jahrelang unterstützten: Es blieb bei der Finanzierung der laufenden Kosten, das heißt, der täglichen und monatlichen Ausgaben wie Miete, Strom und Wasser, Nahrungsmittel oder medizinische Versorgung. Carlos hatte jedoch seit einigen Jahren eine Vision: Den Kindern und Jugendlichen des Straßenkinderprojektes ein Zuhause zu geben, aus dem sie nicht ständig wieder herausgerissen würden – und ein eigenes Projekthaus zu kaufen. Oft erhöhten die Hauseigentümer nach einiger Zeit die Miete nämlich so weit, dass das Projekt sie nicht mehr finanzieren konnte. Das hieß im Klartext: wieder umziehen. Dieses Jahr ging der lang geträumte Traum von Carlos – und inzwischen auch von uns, der Guatemalagruppe Nürnberg und ihren vielen, engagierten, ehrenamtlichen Helfern in ganz Deutschland – dann tatsächlich in Erfüllung. Wie kam es dazu? Im Sommer 2006 informierte uns Frau Hansen, eine langjährige Unterstützerin des Projektes, dass eine Steuerkanzlei in Oberbayern einen Nachlass zu verwalten hätte. Die Verstorbene hatte sich gewünscht, dass ihre Hinterlassenschaft geeigneten Kinderprojekten zugute kommen solle. Mit aktuellen Fakten von Carlos und vielen Fotos ausgestattet, machte ich mich auf, um der Kanzlei unser Projekte zu präsentieren und sie gezielt zu informieren. Etwa zwei Wochen saßen wir auf Kohlen, dann kam ein Anruf: Die Kanzlei hatte sich entschieden, den Nachlass unserem Projekt zur Verfügung zu stellen; Carlos’ Konzept, das ehrenamtliche Engagement, die Mitarbeit vieler Helfer vor Ort, und vor allem die Sicherheit, dass das Geld zu hundert Prozent dem Projekt zugute kommen würde, hatten wohl überzeugt. Das hieß, wir hatten plötzlich 60.000 Euro mehr auf unserem Projektkonto ... Ein eigenes Dach über dem Kopf! Ich schrieb Carlos, er solle sich erst einmal hinsetzen und ein Glas Wasser trinken, bevor ich ihm die Neuigkeit mitteilen könne. Er schrieb zurück, dass er Tränen in den Augen hatte, als er die Mail las. Und die Begeisterung bei „seinen“ Kindern und den Mitarbeitern des Projektes war unbeschreiblich! Nun folgten einige bewegte und für uns alle aufregende Wochen. Vieles musste geregelt werden: ein geeignetes Haus finden, den Kaufpreis verhandeln, alles entscheiden und offiziell abwickeln. Der Eigentümer des Hauses, in dem die Kinder derzeit wohnten, entschied sich nach anfänglicher Zusage plötzlich wieder gegen den Verkauf. Einige Zeit später informierte Carlos uns über ein weiteres Objekt. Lage, Größe, Aufteilung und Kaufpreis schienen zu stimmen. Diesmal sollte aber alles sehr schnell gehen, da der Eigentümer Guatemala verlassen wollte und schnell einen Käufer suchte. Wir wollten allerdings nichts überstürzen und vielmehr sichergehen, dass das Projekt wirklich ein Haus von dem Geld bekommen würde, bei dem das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmte. Schließlich müssen wir verantwortlich mit dem uns anvertrauten Geld umgehen. Wir forderten daher von Carlos nähere Informationen an und sagten ihm erst im Gegenzug das Geld zu. Inzwischen sind die Details geklärt, das Geld überwiesen und der Vertrag abgeschlossen. Und ein paar Kinder und Jugendliche der Straße können dieses Jahr Weihnachten in den eigenen vier Wänden feiern ... Carola Pröbstle, Bamberg, im November 2006 Die eigenen vier Wände: Grundfläche: 8,3*15 m. 2 Stockwerke + Dachterrasse. Aufteilung: Insg. 11 Zimmer, 5 Bäder, Garage und Innenhof mit Waschgelegenheit. Adresse: 7 Av. 4–27, Zona 7, Colonia Quinta Samayoa, Guatemala-Stadt. Was noch alles los war und ist ------------------------------ – Wir haben endlich eine Infobroschüre, die sich wirklich sehen lassen kann und mit der wir uns großen Organisationen, aber auch potenziellen Geldgebern gegenüber selbstbewusst präsentieren können. Michael Vivell kümmerte sich Anfang des Jahres um die „Neuauflage“ unserer Infobroschüre. Er ließ als Spende 1000 Exemplare drucken! An dieser Stelle, sicher auch im Namen der Straßenkinder: Muchas gracias! – Edith Dörner organisierte bereits mehrmals einen „Krempelmarkt“ in Nürnberg, auf dem sie Neues, Altes und weniger Neues verkaufte und den Erlös ans Projekt spendete. Der letzte war Mitte November und brachte 700 Euro ein! Danke! – Edith Dörner organisierte zusammen mit dem ihr bekannten Kirchenmusiker Ulrich Oechslein eine Konzertreihe in Nürnberg, dessen Erlös dem Projekt zur Verfügung gestellt wurde. Muchas gracias!! – Drei Volontärinnen (Tatjana, Kaya und Helena) sind vor kurzem nach Guatemala geflogen. Sie werden einige Monate dort bleiben und in den Projekten mitarbeiten. – Die Firma Hexal hat uns wieder eine Medikamentenspende über mehr als 10 kg zur Verfügung gestellt! An dieser Stelle ganz herzlichen Dank! Tatjana Huber hat das Paket mitgenommen und wird sie ins Projekt bringen. – Ulrich Schulte von der Ziegelstein-Apotheke in Nürnberg hat sich bereit erklärt, bei künftigen Medikamentensammlungen die pharmazeutischen Formalitäten (sachgemäße Prüfung und Lagerung) zu klären, die inzwischen notwendig sind. Herzlichen Dank! – Allen Spenderinnen und Spendern, Helferinnen und Helfern herzlichen Dank! Bitte weiter so! Auch ohne die Miete für das Projekthaus werden weiterhin jedes Jahr viele Tausend Euro benötigt! Spendenübersicht 2006 --------------------- CUC: Er erhielt seine jährliche Spende für laufende Kosten: 1.000,- EUR.Für das Landrechtsprojekt des CUC konnten wir wieder 2.400,- EUR überweisen. Da Carlos Toledo das Straßenkinderprojekt "Movimiento Nacional de Niños Nuestros Derechos" und das Schulprojekt "Niño Obrero" gemeinsam verwaltet, haben wir die erhaltenen Spenden gebündelt überwiesen. Er entscheidet dann, in welchem Projekt Geld benötigt wird. In diesem Jahr hatten wir die Rekordsumme von 30.158,26 EUR überweisen können. Wir mussten damit allerdings das Spendenkonto im September komplett leerräumen, da in den Projekten akuter Mangel herrschte. Zusätzlich kamen 60.000,- EUR aus der Erbschaft für den Hauskauf, die wir im November überwiesen haben. Wir weisen wie immer darauf hin, dass bei Spenden, die zum Jahresende abgeschickt werden, nicht immer sichergestellt ist, dass die Bescheinigung für das laufende Jahr ausgestellt werden kann. Die Gesetzgebung ist in diesem Punkt leider etwas schärfer geworden: Entscheidend ist der Spendeneingang bei uns. Um sicher zu sein, müssten Sie Ihre Spende ein paar Tage vor Weihnachten abschicken, sonst kann sie durch die Banklaufzeiten evtl. zu spät bei uns eintreffen! Da die Adressen auf den Kontoauszügen nicht immer an uns übermittelt werden, wäre es gut, wenn Sie uns bei Ihrer ersten Spende Ihre Adresse und das Datum der Überweisung mitteilen würden. So können wir Sie in unser Spendenregister aufnehmen. Sollten Sie die Spendenbescheinigung nicht rechtzeitig erhalten, geben Sie uns bitte Bescheid. (Kontaktadressen auf der letzten Seite.) Zehn Jahre Friedensschluss – aber kein wirklicher Frieden --------------------------------------------------------- Am 29. Dezember begeht Guatemala den zehnten Jahrestag der Unterzeichnung des letzten Abkommens über einen „festen und dauerhaften Frieden“. Die guatemaltekischen Friedensabkommen setzten nicht bloß einen Schlusspunkt unter den internen bewaffneten Konflikt, sondern sie dienten als Referenzrahmen, um die gravierenden und dringenden Probleme des Landes anzugehen. Sie sollten die substantielle Grundlage bilden für einen Frieden, der mehr ist als die bloße Abwesenheit von Krieg. Sie sollten die Ursachen verändern, die zu diesem Krieg führten. Die Friedensabkommen einzuhalten würde bedeuten, den Staat von Grund auf neu zu gestalten, ihn von einem autoritären und militaristischen Staat in einen multikulturellen, sozial gerechten, die Menschenrechte achtenden und demokratischen Staat zu transformieren. Dies ist zweifelsohne eine schwierige Aufgabe, denn die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Strukturen widersprechen solchen Visionen. Carlos Gonzales, damaliger Generalsekretär der Guatemaltekischen Arbeiterpartei PGT, sagt dazu (zitiert nach Fijáte Nr. 370): „Es gibt, wenn auch zum Teil nur formell, Fortschritte bei der Umsetzung der Abkommen zu verzeichnen, ebenso wie es Stagnation oder gar Rückschritt gibt. Ein Fortschritt ist, dass es in dem Sinne keinen Staatsterror mehr gibt. Das Konzept von innerer Sicherheit hat sich verändert. Mit wenigen Ausnahmen findet heute keine politische Verfolgung mehr statt, wie das in den Jahren zwischen 1965 und 1985 der Fall war. Negativ ist sicher, dass es keine Kontrolle über die parallelen Kräfte gibt, welche die Staatsmacht völlig kontrollieren. Negativ sind ebenso der existierende Rassismus und Ausschluss sowie die Tatsache, dass die mikroökonomischen Indikatoren in keiner Weise die Situation dieser ausgeschlossenen Bevölkerung verbessern.“ Diese „parallelen Kräfte“ sind wohl auch verantwortlich für die Ermordung von Eddy Gonzalez, der im von uns geförderten Projekt „Nuestros Derechos“ Unterstützung bekommen und später dort mitgearbeitet hatte. Am 10. Juni 2006 wurden er und eine Frau am Straßenrand erschossen aufgefunden. Er hinterlässt Frau und Kinder. Die Umstände der Tat sind bis heute unbekannt. Diese Ermordungen reihen sich ein in die große Zahl ungeklärter Morde: Allein von 2000 bis November 2006 wurden 2.796 Frauen und Mädchen ermordet. Aufgeklärt und eine Verurteilung ausgesprochen wurde in den letzten sechs Jahren in insgesamt 20 Fällen, und somit in 0,7% der Morde. Diese Straflosigkeit ermutigt zukünftige Täter. Verstärkte Untersuchungen wurde bisher vergeblich eingefordert. Diese Zustände bedeuten für die GuatemaltekInnen keinen wahren Frieden! Guatemalagruppe des BDKJ Nürnberg-Nord und der Evangelischen Jugend Nürnberg. Kontakt: Astrid Bönning, Schlehdornweg 10, 90441 Nürnberg, 09 11 / 42 11 33. Homepage: www.guatemala.de/Nbg, e-mail: ottmar.zimmer@web.de. Spenden bitte an: BDKJ Nürnberg-Nord, Kto. 10 512 38 36, LIGA Bank eG., BLZ 750 903 00, Stichwort "Spende Guatemala" oder "Straßenkinder/Schule" oder "CUC". Spendenbescheinigungen für die Steuer kommen spätestens innerhalb der ersten sechs Wochen des Folgejahres. Wenn Sie sie nicht erhalten sollten, melden Sie sich bitte baldmöglichst bei uns. Wenn Sie den Rundbrief nicht mehr erhalten wollen, schicken Sie uns bitte eine kurze Nachricht.