RUNDBRIEF Nr. 12a, Dezember 2005 Hurrikan Stan verwüstet Guatemala ================================= Wie der Nachrichtendienst Fijáte in der Nr. 345 vom 12.10.05 berichtet, hat der Hurrikan Stan "in Form von heftigen Regenfällen seit dem letzten Wochenende große Teile des Landes unter Wasser gesetzt, Erdrutsche und Schlammlawinen haben mittlerweile Brücken, Straßen und ganze Dörfer mit sich gerissen. Besonders betroffen sind die Departements im Westen des Landes, sowohl an der Küste als auch im Hochland, doch auch Petén im Norden und Izabál im Osten melden Verwüstungen. Die Verkehrsverbindungen über Land nach Mexiko und El Salvador sind versperrt, vom nationalen Wegenetz ganz zu schweigen. Obwohl der Regen unterdessen nachgelassen hat, stehen das Wasser und der Schlamm noch teilweise bis zu drei und mehr Metern hoch in den Städten und Dörfern, viele Regionen sind völlig abgeschnitten, da die Straßen kaputt oder von Erde und Felsen blockiert sind. Strom-, Wasser- und Telefonleitungen sind beschädigt, Benzin, Trinkwasser und Lebensmittel werden knapp. Nach einer ersten Verharmlosung der Situation am Dienstag rief Präsident Oscar Berger schließlich für dreißig Tage den nationalen Katastrophenzustand aus." Erneut kann an den staatlichen Reaktionen auf den Hurrikan gesehen werden, wo die Prioritäten der Regierung liegen. Um den über 134.000 von Stan betroffenen Personen während der sechs nächsten Monate zu helfen, werden veranschlagt: 59 Mio. Q für Lebensmittelhilfe, 31.4 Mio. Q für Hygiene und Sanitätswesen und 11.6 Mio. für Gesundheit, insgesamt 102 Mio. Dagegen wurde im Haushaltsentwurf für 2006, obwohl die Anzahl der Militärs auf 15.500 reduziert wurde, eine Erhöhung des Militärbudgets um 84 Mio. Q auf sage und schreibe 1,11 Mrd. Q vorgeschlagen. Aber das Militär hat sich auch bei der Katastrophenhilfe sehr "verdient" gemacht. So wird in Fijáte 346 berichtet, dass die Militärs z. B. in Sololá, anstatt tätig mit anzupacken und zu helfen, die Freiwilligen nur herumkommandieren wollten. Als es darum ging, Hilfsgüter in abgeschnittene Dörfer zu bringen, lehnte das Militär das ab, da es "zu anstrengend" für die Soldaten sei. Natürlich waren die Militärs auch nicht überall willkommen. So wurde in einer Gemeinde durch die starken Regenfälle ein Massengrab freigespült, das sehr wahrscheinlich aus der Zeit der Repression stammt - für über 90 Prozent der Verbrechen machte der staatliche Menschenrechtsbericht die Militärs verantwortlich. Und auch die Politiker durften in diesem makabren Reigen nicht fehlen: In manchen Gemeinden erhielten nur die Parteigänger des jeweiligen Bürgermeisters Hilfslieferungen, in anderen wurden die Pakete erst einmal mit einem Parteilogo "verziert", ehe sie an die Bedürftigten ausgegeben wurden. So ist das Panorama mal wieder komplett... Carlos Toledo war in Deutschland zu Besuch ========================================== Carlos Toledo, der Leiter des Straßenkinderprojekts "Nuestros Derechos" und des Schulprojekts "Niño Obrero", die beide von uns seit mehreren Jahren unterstützt werden, besuchte uns im November/Dezember 2005. Er erhielt von einer US-amerikanischen Organisation die Reisekosten in ein Land finanziert, in dem viele SpenderInnen leben, um einmal persönlich Informationen bringen zu können. Wir hatten ein umfangreiches Programm zusammengestellt. Unter anderem besuchte er die Drogenberatungsstelle Mudra und das Sleep-In für Jugendliche in Nürnberg. Weiterhin hielt er in zahlreichen Schulen Vorträge und stellte dort die Projekte vor. Spendenübersicht 2005 ===================== CUC: Er erhielt seine jährliche Spende für laufende Kosten: 1.000,- EUR. Da die Spenden für den CUC zurückgingen, haben wir Anfang 2005 nur 1.876,84 € für das Landrechtsprojekt des CUC überweisen können. Das Straßenkinderprojekt "Movimiento Nacional de Niños Nuestros Derechos" erhielt bisher 6.954 Euro. Weitere 1000 Euro gaben wir Carlos Toledo, dem Leiter des Projekts, persönlich mit, damit er in Guatemala-Stadt ein Eurokonto einrichten kann, wodurch wir in Zukunft nicht mehr in US-Dollar wechseln müssen und so Gebühren sparen. Das Schulprojekt "Niño Obrero" konnten wir mit 3.550 Euro unterstützen. Wir müssen nochmals darauf hinweisen, dass bei Spenden, die zum Jahresende abgeschickt werden, nicht immer sichergestellt ist, dass die Bescheinigung für das laufende Jahr ausgestellt werden kann. Die Gesetzgebung ist in diesem Punkt leider etwas schärfer geworden: Entscheidend ist der Spendeneingang bei uns. Um sicher zu sein, müssten Sie Ihre Spende ein paar Tage vor Weihnachten abschicken, sonst kann sie durch die Banklaufzeiten evtl. zu spät bei uns eintreffen! Da die Adressen auf den Kontoauszügen nicht immer an uns übermittelt werden, wäre es gut, wenn Sie uns bei Ihrer ersten Spende Ihre Adresse und das Datum der Überweisung mitteilen würden. So können wir Sie in unser Spendenregister aufnehmen. Sollten Sie die Spendenbescheinigung nicht rechtzeitig erhalten, geben Sie uns bitte Bescheid. (Kontaktadressen auf der letzten Seite.) Die Internetadresse unserer Homepage mit Projektübersichten und vielem mehr hat sich geändert: www.guatemala.de/Nbg (Großes "N" bei Nbg !) Staat gegen Bevölkerung - der Goldabbau wird durchgesetzt ========================================================= Mehrere Jahre lang untersuchte die Firma "Glamis Gold" mögliche Goldvorkommen in Guatemala. 2005 begann sie dann, unterstützt durch ein 45 Mio. US-$ Darlehen der Internationalen Finanzkorporation (IFC), dem unternehmerischen Arm der Weltbank, den Goldabbau in San Miguel Ixtahuacán, San Marcos, vorzubereiten. In der Bevölkerung gibt es eine starke Ablehnung gegen dieses Projekt, denn beim Goldabbau in San Marcos werden stündlich 250’000 Liter Wasser verbraucht. Es wird Zyanid verwendet, eine je nach Dosis tödliche chemische Substanz. Die Hügel werden abgeholzt, die Bevölkerung wird unter gesundheitlichen Problemen leiden. Erfahrungen dieser Art musste schon eine Gemeinde in Honduras machen, wo Glamis Gold bereits seit mehreren Jahren Gold abbaut. Eigentlich sollte die Bevölkerung nach Artikel 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von der Regierung vor jeglicher Invasion in ein Gebiet konsultiert werden und sowohl in die Planung des Vorhabens einbezogen als auch an den Gewinnen beteiligt werden. Dies fand in San Miguel allerdings nicht statt. Am 11. Januar dieses Jahres blockierten mehrere tausend Menschen die Straße, da ein Schwertransport eine Spezialmaschinerie für den Goldabbau nach San Miguel bringen sollte. Bei dieser Aktion wurde von der Polizei, die massiv gegen die Blockierer vorging, ein Unbeteiligter erschossen. Am 13. März wurde Álvaro Benigno aus der Gemeinde Sipacapa vom Sicherheitspersonal der Goldmine Marlin erschossen. Gemäß AugenzeugInnenberichten begegnete Benigno auf dem Heimweg von der Kirche zwei Angestellten der Sicherheitsfirma Golan, die von der Minenbetreiberin Montana zum „Schutz“ der Mine kontraktiert wurde. Álvaro Benigno wurde zuerst von einem der Sicherheitsmänner tätlich angegriffen, im anschließenden Handgemenge zog der andere seine Pistole und verletzte Benigno tödlich. Am 18. Juni machten die BürgerInnen der 13 Gemeinden von Sipacapa, San Marcos, in einer selbst organisierten Volksbefragung ihre Ablehnung der Minenaktivitäten deutlich. Es nahmen insgesamt 2.530 Personen teil, davon stimmten 2.455 gegen die Minen, 35 dafür, 32 enthielten sich der Stimme und 8 Stimmen waren ungültig. Begleitet wurde die consulta popular von 75 nationalen und internationalen BeobachterInnen, die einen einwandfreien Abstimmungsverlauf bestätigten. Einen ersten Chemieunfall gab es auch schon: Am 25. September überschlug sich bei der Siedlung Jucal in der Gemeinde Malacatancito ein Lastwagen, der Chemikalien in die Mine transportierte. Diese liefen danach aus. Angestellte der Mine, die sofort am Unfallort auftauchten, beschwichtigten die besorgte Bevölkerung und erklärten, es handle sich bei der Flüssigkeit um Borsäure und Aluminiumhydroxid. Da es stark regnete, floss die ausgelaufene Lauge sofort und direkt in den Pujal-Fluss, aus dem einige Dörfer ihr Trinkwasser beziehen. Laut Zeitungsmeldungen kann die Einnahme dieser beiden Chemikalien zu Fieber, Muskelkrämpfen, Hautverfärbung und gar zum Komazustand führen. Eine wichtige Rolle in der Koordinierung des Widerstandes nimmt das Menschenrechtsbüro der Diözese von San Marcos ein, die vom als kämpferisch bekannten Bischof Álvaro Ramazzini geleitet wird. Am 22. Januar dieses Jahres wurde ein Mordanschlag auf ihn aufgedeckt. Das Kapital sieht nicht tatenlos zu, wenn sein Profit gefährdet ist... Aktuelle Informationen von Carlos Toledo ======================================== Wie schon auf der ersten Seite geschrieben, ist Carlos im November/Dezember in Deutschland, um unter anderem mit uns wieder einmal direkt sprechen und sich austauschen zu können. Die Kommunikation über eMail ist doch manchmal etwas mühsam... Wir haben gleich zu Beginn ein ausführliches Gespräch mit Carlos geführt, um in diesen Rundbrief schon einmal alle SpenderInnen, die bei den Treffen verhindert sind, mit aktuellen Informationen zu versorgen. Natürlich lohnt es sich immer noch, zu unseren Veranstaltungen zu kommen, da Sie sicherlich Ihre ganz persönlichen Fragen haben. Eine grundsätzliche Frage war die Finanzierung beider Projekte. Es gibt leider nur eine Organisation, die jeden Monat eine feste Summe zugesagt hat. Sie heißt YAP, stammt aus den USA und gibt Geld für das Straßenkinderprojekt "Nuestros Derechos". Die Zahlungseingänge sind teilweise sehr unregelmäßig, so dass Carlos manchmal nach zwei oder drei Monaten ohne Überweisung schon einmal dort anfragen muss. Das Geld kommt dann zwar immer, aber zwischenzeitlich muss er Schulden machen, um die laufenden Zahlungen wie Miete, Gehälter für die Angestellten, Strom, Gas, Wasser etc. bezahlen zu können. Er erhält als Leiter beider Projekte ein kleines Gehalt aus den Spendenmitteln, wobei er sich selber immer an die letzte Stelle setzt. Zuerst müssen die Kinder und Jugendlichen versorgt sein und dann kommt er. Seine Frau verdient zwar auch etwas Geld, aber als diesen Sommer drei Monate kein Entgelt für ihn "übrig" blieb, musste er sich eine Zeit lang das Schulgeld für sein eigenes Kind stunden lassen... Über uns aus Nürnberg erhalten die Projekte zwei bis drei Mal im Jahr eine Summe, deren Höhe natürlich von Ihren Spenden abhängt, die aber unregelmäßig sind (zu den diesjährigen Zahlen siehe Seite 2). Kleinere Summen spenden Volontäre, die in den Projekten arbeiten und die die akute Not sehen. So ist es Carlos' Kunst, die Projekte mit den aktuell vorhandenen Mitteln am Laufen zu halten, was manchmal schwierig sein kann. Der schon früher erwähnte Hausbau nimmt langsam Formen an. Sie haben je ein Grundstück in Antigua Guatemala und in Mixco, einem Stadtteil von Guatemala-Stadt, in Aussicht. Für diese Grundstücke mussten sie zahlreiche Untersuchungen machen lassen, wie z. B. über die geologische Stabilität. Nun fehlt noch ein Gutachten zu den ökologischen Auswirkungen des Hausbaus. Wenn auch das noch positiv ist, wird ein befreundetes Architektenbüro mit einer konkreten Planung beauftragt. Der Baufortschritt hängt dann natürlich vom Eingang an Spenden ab. Aber wenn sie dann endlich einmal umziehen können, werden die gesparten Mieten die Kosten und Mühen auf Dauer sicherlich aufwiegen. Wir hoffen, dass wir sie mit Ihrer Hilfe beim Bau unterstützen können, ohne die laufenden Projekte zu vernachlässigen.