RUND BRIEF Nr. 11, Dezember 2004 Die Landfrage - unveränderter Brennpunkt ======================================== Seit 1989 arbeiten wir, die Guatemalagruppe des BDKJ Nürnberg-Nord und der Evangelischen Jugend Nürnberg, für die LandarbeiterInnenvereinigung CUC. Hat sich etwas bewegt? Leider sehr wenig. Martin Wolpold-Bosien von Fian hat in der Novemberausgabe der ila (der Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika) mit dem Schwerpunkt Guatemala über die Landproblematik geschrieben: Der letzte Agrarzensus, der im Januar 2004 veröffentlicht wurde, ergab, dass weiterhin 2 Prozent der Landbesitzer über 57 Prozent des Landes verfügen, während 90 Prozent aller Bäuerinnen und Bauern auf durchschnittlich einem Hektar zu überleben versuchen. Geschätzt wird, dass 300.000 landlose oder extrem landarme Bauernfamilien weiterhin um Land nachsuchen. Seit dem Friedensschluss, d. h. in fast acht Jahren wurde über den Landfonds gerade einmal an 16.000 Familien Land vermittelt. Dieses Land wurde über Kredite finanziert, die die Familien in einigen Jahren zurückzahlen sollen. Ob sie dies jemals leisten können, steht in den Sternen. Ein weiteres Problemfeld sind die Entlassungen von LandarbeiterInnen aus teilweise generationenlangen Arbeitsverhältnissen. Die entlassenen ArbeiterInnen haben in den meisten Fällen Lohnforderungen und es stehen ihnen sehr hohe Abfindungsgelder zu. Die Prozesse ziehen sich oft über Jahre hin. Auch wenn ein solcher Prozess gewonnen wird, heißt das noch lange nicht, dass die ArbeiterInnen das ihnen zustehende Geld erhalten oder dass die unrechtmäßige Kündigung zurückgenommen würde. Die Fincabesitzer stellen sich taub und die Justiz stellt sich tot - meist, weil der internationale Druck vorbei ist. Wenn allerdings die ehemaligen ArbeiterInnen im Gegenzug für die gerichtlich zugesprochenen Zahlungen eine Finca als Pfand besetzen, dann reagieren Justiz und Exekutive sehr schnell und lassen die Finca gewaltsam räumen. Auch brachliegende Ländereien, die seit Jahren nicht genutzt werden, sollen eigentlich an Landsuchende verteilt werden. Aber auch darum kümmert sich der Staat nicht. Hoffnungen, die sich auf die seit Anfang 2004 angetretene Regierung von Oscar Berger richteten, wurden schnell enttäuscht. In den ersten fünf Monaten des Jahres wurden 27 Ländereien gewaltsam geräumt, wobei es Tote auf beiden Seiten gab. Auch die 919 Landkonflikte, die teilweise seit Jahren bestehen, werden nicht gelöst. Unser Partner CUC setzt sich - auch im Rahmen der Dachorganisation CNOC - unermüdlich für den gerechten Kampf der Campesinas und Campesinos ein. Wir wollen ihn dabei unterstützen, sind dafür aber auf Ihre Spenden angewiesen. Neuigkeiten von uns Im Juni haben wir zusammen mit anderen Organisationen in Stuttgart ein Jahrestreffen der Menschen veranstaltet, die zu Guatemala arbeiten. Wir haben uns durch einen regen Austausch von Informationen wieder besser vernetzt und konnten uns eine gemeinsame Plattform schaffen. Auch 2005 wird es wieder ein Treffen geben. Inzwischen sammeln wir im Internet unter www.guatemala.de Informationen und Aktionsmöglichkeiten, um wieder mehr Präsenz zu zeigen und Interessierten Anknüpfungsmöglichkeiten zu bieten. Im Straßenkinderprojekt und im Schulprojekt waren wieder etliche Freiwillige aus Deutschland tätig, die teilweise über unsere Gruppe vermittelt wurden (siehe auch nebenstehenden Bericht von Anja Hartmann). Carlos Toledo, der Leiter beider Projekte, plant in Antigua und in Guatemala-Stadt jeweils ein Haus zu bauen, um die Mieten zu sparen, die einen großen Teil des Etats auffressen. Er hat teilweise schon Finanzierungszusagen aus dem Ausland. Das größere Problem sind Grundstücke. Angesichts der teilweise sehr verworrenen Besitzlage ist es schwierig, Bauland zu finden, das die Gemeinde per Erbpacht den Projekten überlassen würde. Die Suche geht auch mit Hilfe der Schulkindereltern weiter und wir hoffen, dass 2005 mit dem Bau beider Häuser begonnen werden kann. Im Januar 2005 findet wie jedes Jahr in Nürnberg wieder die Lateinamerikawoche statt. In dieser Woche wird Felix Koltermann über die Arbeit von CAREA berichten, die seit 2003 wieder Begleitarbeit für bedrohte Menschen in Guatemala organisiert. Näheres finden Sie ab Anfang Januar auf der dann aktualisierten Webseite: www.lateinamerikawoche.de. Spendenübersicht 2004 ===================== CUC: Wir konnten auch dieses Jahr unsere üblichen Zuschüsse überweisen: Für laufende Kosten 1.000 EUR und für das Landrechtsprojekt des CUC wieder 2.400 EUR. Leider mussten wir dieses Jahr einen Rückgang der Spenden für den CUC registrieren. Dem Straßenkinderprojekt "Movimiento Nacional de Niños" konnten und mussten wir dieses Jahr dreimal Geld überweisen. Da einer der Hauptfinanziers aus den USA unregelmäßig zahlte, haben wir unterstützend eingreifen müssen. So wurden insgesamt 17.036,46 EUR transferiert. Auch für das Schulprojekt "Niño Obrero", das wir im letzten Jahr in unsere Projektliste aufgenommen haben, erhielten wir 4.500 EUR, die wir im August nach Guatemala schicken konnten. Wie immer an dieser Stelle noch die Hinweise zu Überweisungen für die Projekte: 1) Bitte überweisen Sie wenn möglich ein paar Tage vor Weihnachten, damit das Geld auch sicher noch in diesem Jahr auf unserem Spendenkonto eingeht. So können Sie die Spendenbescheinigung auch für das Jahr 2004 erhalten und schon früher Steuern sparen. 2) Da die Adressen auf den Kontoauszügen nicht immer an uns übermittelt werden, wäre es gut, wenn Sie uns bei Ihrer ersten Spende Ihre Adresse und das Datum der Überweisung mitteilen würden. So können wir Sie in unser Spendenregister aufnehmen. Sollten Sie die Spendenbescheinigung nicht rechtzeitig erhalten, geben Sie uns bitte Bescheid. (Kontaktadressen auf der letzten Seite unten.) Unsere dieses Jahr aktualisierte Homepage mit Projektübersichten, Informationen zu Guatemala und mehr: www.nefkom.net/ottmar.zimmer/guatemala Das Straßenkinderprojekt ======================== von Anja Hartmann Niños de la calle. Straßenkinder. Bittet mich heute einer, von meinen Erlebnissen in Guatemala zu berichten, bin ich immer erst einmal ratlos. Wo anfangen? Wo aufhören? Und doch sind Worte nicht die Wirklichkeit. Sie zu fassen mag mir nicht gelingen. Jedes Mal wenn ich erzähle, bin ich hernach unzufrieden. 6 Wochen lang habe ich sie besuchen dürfen, die Niños de la calle von Guatemala Stadt. Nur wenige interessieren sich für sie, nur wenige fragen nach ihnen. Die wenigen: Carlos Toledo und seine Männer, die unbeirrt kämpfen. Jeden Tag. Jeden Tag ein neuer Kampf. Jeden Tag eine neue Herausforderung. Und sie machen ihren Job gut: Edy, Juan und die anderen "Ehemaligen der Straße", die den Sprung aus der Passivität geschafft haben - um nun den ihren zu helfen. Sie gehen in die Straßen um Überzeugungsarbeit zu leisten, doch nicht jeder will im Straßenkinderhaus von Nuestros Derechos bleiben, zu groß die Überwindung alles aufzugeben: Ihre Drogen, ihre mara (Straßengang), die sozialen Netze der Straße. Dabei wird das Leben für die Bewohner des casa hogar, wie das Straßenkinderhaus auch genannt wird, bedeutend besser: Sie bekommen - fast immer - warme Mahlzeiten, haben ein Bett zum Schlafen und ein Dach über dem Kopf. Und Carlos & Co. versuchen alles nur erdenklich Mögliche, um für diese "Kinder" Pässe, Angehörige oder einen Arbeitsplatz aufzutreiben. Manche kennen nicht einmal ihr Alter, andere wissen nicht, wer oder wo ihre Eltern sind. Ab und zu muss Carlos die Kinder aus den Klauen der Polizei fischen oder aus dem sogenannten "Gefängnis" retten - ja, eigentlich ein viel zu euphemistischer Ausdruck für die Grausamkeiten, die sich hinter diesen menschenverachtenden Mauern abspielen. Die "Kinder" sind zwischen 15 und 30 Jahre alt, und Mädchen jünger als ich (und ich bin jetzt 21) haben teilweise schon zwei oder drei Kinder, das vierte ist gerade im Anmarsch. Im Volk kursiert der unheilvolle Aberglaube, Verhütungsmittel hätten eine sterilisierende Wirkung (und das in einem Land, in dem Fertilität noch als höchstes Gut angesehen wird). Bis 2027 soll sich die heute auf ca. 12 Millionen Einwohner geschätzte Bevölkerung verdoppeln. Woran es vor allem fehlt, das manifestiert sich hier ganz deutlich, ist Bildung. Zusammen mit Medicos sin Fronteras (Mediziner ohne Grenzen) und anderen sozialen Einrichtungen organisiert Nuestros Derechos Vorträge über Hygiene, Verhütung, Gewalt, Menschenrechte und andere Brennpunktthemen. Was mich besonders betroffen gemacht hat? Die Tatsache, dass es arme Menschen gibt in dieser unserer Welt, denen nie gezeigt, gesagt oder vorgelebt wurde, dass man aus seinem Leben etwas machen kann. "Etwas aus sich machen" - so einfach es für uns erscheint: Die Straße hat "ihre" Kindern das nie gelehrt. Das hat sie vergessen. Sie wissen nicht, dass auch ihr Leben einen Sinn haben könnte. Noch nie hat ihnen das einer gesagt. Wir haben Körbe mit ihnen gebastelt. Die Kinder mit ihren Händen. Die Augen haben gestrahlt. Endlich. Ein kleiner Fortschritt, SIE haben etwas gemacht! Mein Herz war sehr glücklich in diesem Moment. Wie wichtig wäre es, ihnen das nicht nur einmal, sondern jeden Tag wieder und wieder zu sagen. Doch Carlos Toledo kämpft ohne große, aus dem weiter nord-westlich gelegenen Ausland finanzierte Hochglanz-Institution im Rücken, die monetäre Mittel in rauschender Fülle zur Verfügung stellen würde. Er ist Guatemalteco und kämpft für seine Guatemaltecos. Und doch besteht Hoffnung. Hoffnung darauf, dass die kleinen Stimmen von Sara und Pablo gehört werden. Noch sind sie ganz leise. Aber eines Tages werden sie lauter werden und Gehör finden. Soweit mein Traum. Sara und Pablo sind 5 und 7 Jahre alt, ihre beiden kleinen Geschwister 2 Monate und 2 Jahre. Sie leben mit ihrer Mama im casa hogar, doch die bekommen sie nicht allzu oft zu Gesicht. Die Mama verkauft nämlich Bonbons in den Bussen der Stadt, um sich wenigstens ab und zu Windeln oder Milchpulver für die Kleinen leisten zu können. Das Baby ist oft allein. Es schreit. Hat Hunger. Und leidet an einem fürchterlich juckenden Ausschlag. Nicht immer ist Geld da für Seife, Shampoo oder Toilettenpapier. Sara und Pablo sind traurig. Das haben sie mir erzählt. "Weil Männer gekommen sind und unserem Papa direkt ins Herz geschossen haben." Es waren die Männer aus der Gang vom Papa der Kinder, er wollte austreten und wurde dafür bestraft. Straßenkinder sind oft in diesen Banden organisiert, weil sich die Banden ihr Leid zu Nutze machen und weil auch Straßenkinder soziale Gefüge brauchen. Und wenn es die einer mara sind. Nun aber kämpft die Mutter von Sara und Pablo, Samy und dem Baby alleine. Jeden Tag aufs neue. Jeden Tag ein neuer Kampf. Und Carlos kämpft gegen die maras. Er will sie da rausholen, die Kinder der Straße. Er möchte ihnen ein Haus bauen, denn das bisher angemietete ist viel zu klein. Nur 20 Menschen finden Platz, dabei gibt es doch so viele Straßenkinder. Genaue Zahlen gibt es nicht. Auch frisst die derzeitige Miete horrende Summen. Summen, die an anderer Stelle so dringend gebraucht werden. Seit einem Jahr arbeitet ein französischer Architekt als Freiwilliger an den Plänen für dieses Projekthaus, arbeitet Tag und Nacht und leistet hervorragende Arbeit, denn Behörden zeigen sich nicht immer kooperativ in Guatemala. Dennoch hat er es geschafft, ein Grundstück zu finden (Anm. d. Red.: Leider hat sich das wieder zerschlagen. Die Suche geht weiter.). Aber was bringt ein Grundstück ohne Haus? Und ein Haus baut sich nicht aus Luft. Erzählen kann ich nicht so gut. Da bin ich mir nie sicher, ob ich es vermag, der Realität gerecht zu werden. Aber in einem Punkt bin ich mir ganz sicher: Wenn wir es schaffen, die Arbeit all dieser engagierten Menschen nicht im Sande versickern zu lassen, ja, wenn wir es schaffen könnten, dass Carlos sein Haus bauen kann, dann haben wir wirklich geholfen. Dann können wir sagen "Und sie waren uns nicht egal. Wir haben uns für sie interessiert. Wir haben nach ihnen gefragt." Dann bleiben sie nicht länger leise. Die Stimme der kleinen Sara. Die Stimme des kleinen Pablo. Kontakt zur Gruppe: Astrid Bönning, Schlehdornweg 10, 90441 Nürnberg, 09 11 / 42 11 33, e-mail: ottmar.zimmer@web.de. Spenden bitte an: BDKJ Nürnberg-Nord, Kto. 10 512 38 36, LIGA Bank eG., BLZ 750 903 00, Stichwort "Spende Guatemala". Für unsere Arbeit sind wir immer auf Spenden angewiesen. Diese sind steuerlich abzugsfähig. Spendenbescheinigungen kommen spätestens innerhalb der ersten sechs Wochen des Folgejahres. Wenn Sie sie nicht erhalten sollten, melden Sie sich bitte baldmöglichst bei uns. Wenn Sie den Rundbrief nicht mehr erhalten wollen, schicken Sie uns bitte eine kurze Nachricht.